Udo´s Sci-Fi Blog

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Eigentlich eindeutig nein.

Denn was wäre die schönste Sprache, wenn da kein Inhalt wäre, von dem sie spricht? Nichts! Mindestens eine Luftnummer. Überflüssig. Sinnlos. Sinnleer …
Und umgekehrt: Was nutzt der beste Inhalt, wenn da keine Sprache ist, die ihn vermittelt? Nichts usw. …

Wenn Sie mich allerdings fragen, wem ich im Zweifel eher geneigt wäre zu folgen – dem wortgewandten Drescher leeren Wortstrohs oder dem sprachlosen Hüter großer Inhalte –, so würde ich mich ohne zögern für den inhaltslosen Schwätzer entscheiden. Damit liege ich weder im Trend, noch macht es mich wirklich glücklich. Denn während inhaltsloses Geschwätz – zum Glück – so gut wie keine Verbreitung findet, begegnet einem holpernder und stolpernder Inhalt – leider – viel zu oft.

Vor dem Hintergrund dieser anmaßenden und kühnen These sollte die Frage erlaubt sein, was der selbstgerechte Schreiberling Udo Kübler überhaupt unter „Sprache“ versteht? Und es wäre ja mehr als verwunderlich, wenn es nicht genau das wäre, was dieser Autor so von sich gibt – im Allgemeinen. Oder etwa nicht?

Nun, ich gebe es zu. Da ist was dran.

Allerdings gebe ich zu Protokoll, dass ich mir in der Sache durchaus Mühe gebe. Und darüber hinaus bilde ich mir ein, hier mit einer gewissen Bandbreite zu operieren, die aufzeigt, dass Sprache viele Facetten und Nuancen hat und es sich lohnen kann, sich damit auseinanderzusetzen.

„Scheiße aber auch, dieser Aufstieg auf den Atalaya hatte es wirklich in sich. Möglicherweise lag es natürlich auch daran, dass er nicht besonders gut in Form war. Das zuzugeben, hatte er aber nicht die geringste Lust.“

Sprache lockt Leser – oder schreckt sie ab.

Dieser Anfang meiner Kurzgeschichte „Begegnung auf dem Atalaya“ führte immerhin dazu, dass mir ein potenzieller Leser schrieb, er habe seinen Entschluss, diese Kurzgeschichte zu lesen, just beim Lesen dieses Anfangs revidiert, da er sich mit Fäkalsprache nicht befassen wolle. Was ich noch heute sehr bedauerlich finde. Denn ich bin mir sicher, dass ihm eine durchaus lesenswerte Geschichte dadurch entgangen ist.

Bis heute frage ich mich immer wieder selbstkritisch, ob es nicht auch mit „So ein Mist! Dieser Aufstieg auf den Atalaya …“ funktioniert hätte. Antwort: Kann man machen – aber warum sollte man? Weil es Menschen gibt, für die das Wort „Scheiße“ ein Tabu und unter ihrer Würde ist? Da muss doch die Frage erlaubt sein, was dann aus dem geschätzten Kollegen Charles Bukowski wird? Hat der dann am Ende gar keine Literatur geschrieben, sondern etwas ganz anderes …?

Ganz anders dann auch mein Stil, wenn ich in KAMPFENGEL die Herkunft Lydia Casagrandes erzähle:

„Rosario Casagrande, ein rechter Schwerenöter vor dem Herrn, der sowohl durch eine stattliche Erscheinung, feurige Augen und ein keckes Oberlippen-Bärtchen zu beeindrucken wusste, hatte seinerzeit eines seiner feurigen Augen auf Lucida Maria Panetta geworfen. Und bevor er sein Auge, das gewissermaßen in der Tiefe des gewaltigen Dekolletés von Lucida Maria verloren gegangen war, wiederfinden konnte, hatte er ihr schon ein Kind gemacht und musste sie nach alter sizilianischer Tradition umgehend heiraten.
Kein Grund für Rosario, ab jetzt weniger ein Schwerenöter zu sein und seine feurigen Augen auf praktisch alles zu werfen, was weiblichen Geschlechts und paarungswillig war. Was ihn einen strammen Sohn später schließlich auch den Kopf kostete.“

Hätte man hier wiederum nicht viel deftiger formulieren können, Rosario Casagrande nicht wenigstens einen „geilen Bock“ nennen können, der mit seinem „Schwengel“ usw. …? Antwort: Hätte man – nur, weshalb?

Sprache schafft Stimmung

Im Falle des Anfangs der Kurzgeschichte ging es mir darum, von vornherein die Stimmung zu zeigen, in der sich Jonathan Simpson befindet, als er auf dem Gipfel des Atalaya ankommt. An einem für einen solchen Aufstieg viel zu heißen Tag. Nicht wissend, was ihn dazu getrieben hat dennoch aufzusteigen. Da denkst du nicht salonfähig, bist verärgert. Da hast du die Schnauze voll. Mindestens aber die Faxen dicke.

Im Falle des Vaters von Lydia Casagrande dagegen geht es sehr darum, dem Tenor der Erzählung gerecht zu bleiben. Und die ist weit davon entfernt, vulgär zu sein. Selbst dann nicht, wenn es einmal härter zur Sache geht. Speziell im Zusammenhang mit Lydia Casagrande schon mal gar nicht. Denn im Prinzip hat diese Figur eindeutig nymphomane Züge. Die hat sie aber nicht, um es dem Autor zu ermöglichen, mal seiner vulgären Ader freien Lauf zu lassen, sondern weil diese Figur diese Eigenheiten mitbrachte, als sie die Bühne des Romans betrat. Und – das sage ich mit einem gewissen Stolz – über die gewählte Sprache des Romans kann man sie jederzeit gewähren lassen. Bestenfalls ist der Leser darüber amüsiert. Schlimmstenfalls etwas genervt. Das erträgt man. Als Autor, wie als Leser …

Sprache ist mehr als Tonalität

Sprache ist aber mehr als die Tonalität einer Erzählweise. Sie ist auch das, was man jemanden sagen lässt – beziehungsweise wie man es ihn sagen lässt. Auch hier möchte ich die sehr geschätzte Lydia Casagrande aus dem KAMPFENGEL noch einmal bemühen. Sie ist ein Mensch, der ausschließlich subjektiven Wahrnehmungen folgt, für den objektive Fakten nicht die geringste Rolle spielen. Das kann man immer wieder darlegen, sagen, behaupten. Man kann es die Figur aber auch eindrucksvoll vorführen lassen.

Lydia Casagrande wird besinnungslos in das Schiff Pandora Prandusas, des elften Kampfengels von Terra Nova gebracht. Dieses Raumschiff ist ein absolut ungewöhnliches Ding. Es ist immer nur so groß wie unbedingt notwendig. Und es präsentiert sich innen extrem puristisch und unspektakulär. Deshalb ist es völlig normal und nachvollziehbar, dass jemand, der sich unvermittelt mit dem Anblick dieser kargen Umgebung konfrontiert sieht, sich nicht vorstellen kann an Bord eines Raumschiffs zu sein. So auch Lydia Casagrande. Bei ihr aber steigert sich die Ablehnung dieser Vorstellung zu einer regelrechten Manie.

Auch das ist durchaus vorstellbar. Wichtig dabei ist mir als Autor das Sichtbarmachen der persönlichen Denkweise der Figur.

»Stell dir einfach vor, wie Silvios Situation damals war«, versuchte es Jonathan. »Du warst weggelaufen – wohin, war für ihn nicht klar – und ich hatte mich auf den Weg hinter dir her gemacht. Da saß er also, unser armer Silvio. Allein und ohne Plan. Da nahm das Schiff Kontakt mit ihm auf und teilte ihm mit, dass es eine Möglichkeit gibt, sich hinter uns herzumachen. Und zwar ohne dabei in Gefahr zu geraten, von eventuellen Feinden gesehen oder sonst wie ausfindig gemacht zu werden. Nämlich, wenn er diesen Tarnanzug anziehen würde, den das Schiff ihm gab. Da stutzte unser guter Silvio zwar erst einmal, machte …«


»Da stutzt nicht nur unser guter Silvio«, unterbrach ihn da die Casagrande. »Da stutze auch ich! Denn erstens weiß ich nicht, von welchem ›Schiff‹ hier die Rede sein soll. Und zweitens weiß ich nicht wie ein Schiff – wenn es eines geben würde – Silvio einen wie auch immer gearteten Anzug ›übergeben‹ könnte. Hat diese ›Schiff‹ Kleiderschränke voller unterschiedlicher Anzüge? Und hat es Arme, um diese Anzüge zu verteilen? Und …«
An dieser Stelle fasste Jonathan sie wortlos bei der Hand, rief »Rampe!« und zog die sich sträubende Casagrande durch die sich bildende Tür auf die Rampe nach draußen. Am Fuß der Rampe angekommen, entfernte er sich mit ihr noch, soweit es der Tarnschirm zuließ, vom Schiff und forderte sie auf, sich den torpedoförmigen Rumpf genauer anzusehen.


»Ist das ein Schiff?«, rief er erregt.
Sie verschränkte die Arme unter der Brust, senkte die Augenlider und drehte den Kopf demonstrativ zur Seite.
»Sieh dir das hier genau an!«, rief er. »Ist das ein Schiff oder ist es eine Laugenbrezel?«
»Wieso sollte es denn eine Laugenbrezel sein?«, fragte sie schnippisch, ohne dabei den Kopf zu drehen oder die Augen zu öffnen.
»Das frage ich dich!«
»Das fragst du mich? Dass ich nicht lache! Wann sollte ich jemals behauptet haben, dass das eine Laugenbrezel …«
»Ist es also ein Schiff?«, brüllte nunmehr Jonathan.
»Glaubst du etwa, dass alles, was keine Laugenbrezel ist, ein Raumschiff …?«
»Ist es eines oder nicht!« Jonathans Kopf ähnelte bereits einer überreifen Tomate.
»Was soll was …?« Man konnte deutlich erkennen, dass es Lydia schwerfiel, die Contenance zu bewahren.
»Ist das, was du hier siehst ein Raumschiff?«, unterbrach er sie sofort.


Sie machte ein blasiertes Gesicht. »Ich habe schon unzählige … ach was, Hunderte … also sicher an die hundert Raumschiffe gesehen. Die haben alle völlig anders ausgesehen.«
»Das hier sieht aber so aus, verstehst du? Die anderen haben doch auch nicht alle gleich ausgesehen, oder?«
»Aber so haben sie alle nicht ausgesehen«, blieb sie störrisch. »Die waren alle viel größer und hatten so …«
»Das hier ist eben kleiner …«
»Viel kleiner!«
»Dann eben viel kleiner!«
»Viel, viel kleiner!«
»Ganz erheblich kleiner!« An dieser Stelle unterdrückte er einen Einwurf von ihr, indem er einfach weitersprach. »Aber egal, wie viel kleiner dieses Schiff hier ist, es ist ein Raumschiff! Ein Raumschiff, verstehst du? Und es kann Dinge, von denen große Raumschiffe noch nicht einmal träumen können! Ist das klar? Es ist ein …« Er wandte sich ihr in voller Breitseite zu. »Was ist es?«


Sie sah ihn belustigt an, sagte aber kein Wort.
»Es ist ein …? Sag du’s mir, Lydia. Es ist ein …«
»Hast du es jetzt selbst vergessen, dass du mich das fragst?«
Jonathan fasste sie bei den Oberarmen. Und für einen kurzen Moment sah es so aus, als wolle er sie heftig schütteln. Dann aber sagte er nur matt: »Es ist ein Raumschiff, Lydia. Ein sehr kleines und kompaktes Raumschiff. Ein kleines kompaktes Raumschiff, das Dinge kann …« Er brach ab, sah sie an, als sei er die Inkarnation einer Bitte. »Es ist ein Raumschiff, Lydia.«
»Mein Gott, wenn dein Herz daran hängt …«, sagte sie abschätzig und machte sich wieder auf den Weg nach drinnen.

Kann ja sein, geneigter Leser, dass ich mal wieder dazu neige, eine Sache vielleicht etwas zu hoch zu hängen. Die Sache mit der Sprache, meine ich. Aber mal ganz ehrlich: auch wenn Sie mir vielleicht nicht in allen Fällen und jeder Nuance meiner Argumentation folgen wollen – am Ende haben wir vielleicht die eine oder andere Sache dann ja doch mit etwas anderen Augen betrachtet?

Und falls nicht, war es doch wenigstens amüsant. Oder …?

Herzlichst Ihr
Udo Kübler

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